Hintergrundbild hinter Content-Spalte

„Jeder Tropfen ist zu viel!“
Fetales Alkoholsyndrom – die vermeidbare Behinderung

Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist eine viel häufigere Ursache für geistige Behinderungen sowie Entwicklungs- und Wachstumsstörungen als bisher angenommen. Jedes Jahr werden in Deutschland nach groben Schätzungen etwa 12.500 Kinder geboren, die aufgrund des Alkoholkonsums der Mutter während der Schwangerschaft mehr oder weniger stark geistig und körperlich geschädigt sind.

Rund 12.500 Neugeborene kamen insgesamt im Jahr 2014 mit einer Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) zur Welt, haben also geistige und körperliche Schädigungen aufgrund von Alkoholkonsum (Fetales Alkohol-Syndrom, kurz: FAS) oder zeigen damit zusammenhängende Auffälligkeiten, so genannte fetale Alkoholeffekte (FAE). Die Dunkelziffer für FAS und FAE liegt möglicherweise noch deutlich höher. Die Fachleute sind sich heute einig: Schon das vielfach als harmlos empfundene „Gläschen“ Sekt, Wein oder Bier kann unter bestimmten Bedingungen unwiderrufliche Schäden hervorrufen.

Darüber aufzuklären hat sich die Schwangerenberatungsstelle des Diakonischen Werkes Darmstadt-Dieburg zur Aufgabe gemacht. Am 3. Juni veranstaltet das Diakonische Werk in Darmstadt einen Fachtag, in dessen Rahmen die Ausstellung ZERO! eröffnet wird. Die Ausstellung „ZERO!“ kann nach Anmeldung täglich vom 4. bis 7. Juni in der Zeit von 9.00 – 13.00 Uhr in der Stiftskirche Erbacher Str. 25 in Darmstadt besucht werden (Anmeldeformular). Die innovative Mitmach-Ausstellung ZERO! zur FASD-Prävention informiert erlebnisorientiert über Schwangerschaft, Alkohol, Umgang mit Alkohol und FASD.

Alkohol ist häufigste Ursache für verzögerte Entwicklung von Kindern

„Kinder mit FAS stellen eine große Herausforderung für Eltern und andere Betreuungspersonen dar“, sagt Andreas Glock, Bereichsleiter der Beratungsdienste und Sucht- und Drogenhilfe des Diakonischen Werks Darmstadt-Dieburg. Die Verbindung von kindlicher Hyperaktivität und verminderten kognitiven Leistungen führe beim FAS häufig zu schwerwiegenden Alltagsbelastungen. Glock: „Alkohol ist die häufigste erklärbare Ursache für Entwicklungsverzögerung im Kindesalter. Es ist von daher eine partnerschaftliche, familiäre und gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Frauen während der Schwangerschaft dabei zu unterstützen, keinen Alkohol zu trinken. Schwangere Frauen, die ihren Alkoholkonsum nicht gut kontrollieren und steuern können, das heißt Abstinenz einzuhalten, sollten sich frühzeitig beraten und unterstützen lassen.“

Adoptiv- und Pflegemütter von Kindern mit FASD klären auf

Für den Fachtag konnten Katrin Lepke und Ute Spreyer als Referentinnen gewonnen werden. Sie leisten seit Jahren als Vorstandsmitglieder des gemeinnützigen Vereins FASD Deutschland e. V. Aufklärungsarbeit zum fetalen Alkoholsyndrom. Als Mütter von Adoptiv- und Pflegekindern mit FASD ist ihnen die Aufklärungsarbeit ein besonderes persönliches Anliegen. „Gerade weil vielen Schwangeren die Folgen nicht bewusst sind, ist es uns wichtig aufzuklären und Hilfe anzubieten. Kein Kind sollte durch die Unwissenheit der Mutter im späteren Leben beeinträchtigt sein“, so Lepke und Spreyer.

Schirmherrin Akdeniz: Jeder Tropfen ist zu viel!

Stadträtin und Sozialdezernentin der Wissenschaftsstadt Darmstadt Barbara Akdeniz betont als Schirmherrin der Veranstaltung, wie wichtig Aufklärungsarbeit zum Fetalen Alkoholsyndrom sei. ,,Viele Leute bagatellisieren den Konsum von relativ geringen Mengen Alkohol in der Schwangerschaft. Doch schon ein einziges Glas kann schädigend sein. Die Regel, die es zu befolgen gilt, ist daher einfach: Alkohol während der Schwangerschaft sollte absolut tabu sein, jeder Tropfen ist zu viel!“ Die Probleme, die durch das FAS verursacht werden, sind breit gefächert. Dabei sind dies nicht einmal die einzigen möglichen Folgen des Alkoholkonsums.

Sozialdezernentin Lück: Aufklärung muss mit Bedacht erfolgen

Dass es nicht einfach ist, junge Frauen für das Thema zu sensibilisieren, weiß Sozial- und Jugenddezernentin des Landkreises Darmstadt-Dieburg Rosemarie Lück. Doch vor allem Schwangere seien sehr interessiert an Informationen und eher motiviert, ihr Verhalten zu ändern. Durch Erfahrungen aus ihrer täglichen Arbeit weiß sie: „Das Thema ist hoch sensibel und entsprechende Aufklärung muss mit Bedacht erfolgen.“ In besonderer Verantwortung sieht sie die Frauenärztinnen und -ärzte, die behutsam mit ihren Patientinnen umgehen müssen, um das wichtige Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient nicht zu gefährden.

Prof. Hambrecht: Viele Schwangeren sind sich der Risiken geringer Mengen Alkohol nicht bewusst

Prof. Dr. med. Dr. phil. Martin Hambrecht ist Leiter der Psychiatrischen Klinik des AGAPLESION ELISABETHENSTIFT. Er glaubt, dass Schwangere viel häufiger geringe Mengen alkoholhaltiger Getränke konsumieren, als sie zugeben möchten. „Der Alkoholkonsum der Deutschen liegt weit über dem internationalen Durchschnitt. Die Volksdroge Alkohol erfährt in der Bevölkerung eine viel zu hohe Akzeptanz.“ Besonders, weil alkoholassoziierte Veränderungen als Folge der Zellschädigung oftmals erst Jahre nach der Neugeborenenperiode als solche erkannt würden, seien sich viele Schwangere der Risiken geringer Mengen Alkohol nicht bewusst.

BKK Diakonie-Vorstand Flöttmann: Fachtag und Ausstellung für eine Veränderung des Trink-Verhaltens

Die BKK Diakonie koordiniert mit dem Diakonischen Werk Darmstadt-Dieburg die Erstellung der Medien für die Kampagne zum Fetalen Alkoholsyndrom. „Die Prävention von Gesundheitsgefahren ist für die BKK Diakonie ein bedeutendes Ziel“, erläutert Andreas Flöttmann, Vorstand der BKK Diakonie, die Motivation der in den von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel in Bielefeld beheimateten Krankenkasse. „Daher ist es uns ein besonderes Anliegen, über die Gefahren des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft aufzuklären. Die BKK Diakonie hat dieses Projekt gerne unterstützt und die Arbeiten an einem so wichtigen Thema, das in der allgemeinen Bevölkerung wegen Unwissens sicher ganz oft falsch eingeschätzt wird, bringt hoffentlich einen unmittelbaren Effekt bzw. eine Verhaltensänderung durch neu erworbenes Wissen.“

-A+

Schriftgröße